Übers Vorlesen

15 Minuten täglich

Das ist die Empfehlung für das Vorlesen. Dabei ist es egal, ob ihr mit einem Zweijährigen ein Wimmelbuch anschaut oder mit einer Fünfjährigen die Weihnachtsgeschichte lest. Und auch ältere Kinder bekommen gerne vorgelesen. Mein damals Vierjähriger hat mir eines Abends bei der Gute Nacht Geschichte erklärt, dass er NIE in die Schule gehen will. Warum? Logik eines Kleinkinds: „Dann kann ich ja selbst lesen und keiner liest mir mehr vor.“ (Persönliche Anmerkung: Wir werden natürlich weiter vorlesen ;-))

Bindung, Nähe, Ausdruck von Liebe. Das steht auf der emotionalen Seite des Vorlesens. Wissen, Vorstellungsbildung und Spracherwerb steht auf der rationalen Seite.

Hier meine TOP 10 Gründe, warum Vorlesen so wichtig ist

1. Vorlesezeit ist ungestörte Familienzeit.

Rituale sind wichtig für Kinder, ebenso gemeinsame Zeit mit Mama oder Papa, Oma, dem Onkel oder der großen Schwester. Abendliches Vorlesen vor dem Schlafengehen, morgens Vorlesen zum Start in den Tag auf dem Sofa oder am Nachmittag oder Abend zum Ankommen zu Hause bei einer Tasse Kaba ein schönes Buch. Schafft euch eure ungestörte Familienzeit – und erfahrt beim Vorlesen auch mehr über die Gedanken und den Alltag eurer Kinder als bei der simplen Frage „Und, was hast du heute in der Kita gemacht?“

2. Vorlesen unterstützt den Spracherwerb

In Geschichten lernen Kinder neue Worte kennen, komplexe Sätze, hören Erklärungen von den Vorlesenden oder lernen Synonyme. All das trägt zum Sprachverständnis bei und erleichtert den Spracherwerb.

3. Wer viel vorgelesen bekommt, liest später leichter selbst.

Die Neugierde von Kindern ist riesig. „Mama, was ist das für eine Zahl?“ „Papa, der Buchstabe sieht aus wie bei meinem Namen.“ Kinder verfolgen beim Vorlesen nicht nur aufmerksam die Geschichten, sondern fangen ab einem gewissen Alter auch an, sich die Buchstaben und Wörter genauer anzuschauen, zu entziffern und werden neugierig, selbst zu lesen. Die Hälfte der Grundschüler mit wenig Vorleseerfahrung ist frustriert, weil das Lesenlernen ihnen zu lange dauert – zeigt zum Beispiel die Vorlesestudie 2018 der Stiftung Lesen. Bei denjenigen, denen regelmäßig vorgelesen wurde, sind es nur gut ein Viertel.

4. Vorlesen schafft Nähe über alle Generationen.

Egal welches Alter: Vorlesen macht generationenübergreifend Spaß. Ob der Opa der Enkelin, die Tante dem Neffen oder das ältere Geschwisterkind dem jüngeren – vorlesen muss nicht eine Sache zwischen Eltern und Kindern sein. Übrigens: Vorlesen ist (leider) oft noch eine weibliche Tätigkeit. Knapp 60 Prozent der Väter geben an selten oder nie vorzulesen (Vorlesestudie 2019).

5. Vorlesen bildet: Kinder und Erwachsene lernen dabei Neues.

„Wo befindet sich der weltweit höchste Berg, wenn man vom Meeresboden aus misst?“, fragt Günther Jauch in „Wer wird Millionär“. Während der Kandidat seinen Telefonjoker anruft (der nicht die richtige Antwort kennt), freue ich mich: Dank TipToi Weltatlas, gehört mit dem Fünfjährigen vor ein paar Wochen, weiß ich: Auf Hawai, es ist der Mauna Kea. Es gibt fast kein Buch, aus dem die Kinder und oft genug auch die Vorlesenden nicht etwas Neues erfahren.

6. Vorlesen erweitert den Wortschatz

Schon bei den Kleinsten und ganz einfachen Bilderbüchern ist zu beobachten, wie der Wortschatz beim gemeinsamen Buch anschauen wächst. Freut sich das Kleinkind vielleicht zunächst über die bunten Formen und Farben, lernt es durch den Vorlesenden schon bald den Namen des abgebildeten Tieres, Fahrzeugs o.ä., seine Geräusche etc. und wird nach einer Weile versuchen, nachzuahmen.

7. Vorlesen unterstützt die Fähigkeit, Probleme zu lösen

Wie geht das Kind im Buch mit seiner Wut um. Wie fühlt sich das Mädchen, das im Kindergarten geärgert wird. Wie kann sich der Junge Hilfe holen, der im Supermarkt seinen Papa aus den Augen verliert. In Büchern werden Kinder spielerisch – oder durch die entsprechende Buchauswahl wie hier im Blog – gezielt auf Situationen im Alltag vorbereitet und lernen Handlungsoptionen. Auch aus Geschichten, die kein explizites Problem besprechen, lernt das Kind beim Vorlesen implizit über Werte wie Freundschaft, Zusammenhalt, Vielfalt, Lebenswelten etc.

8. Ich bin nicht alleine – anderen geht es ähnlich.

Lernen vom und orientieren am literarischen Vorbild: Das Kind im Buch hat zunächst auch Angst vorm Wasser und traut sich dann doch? Auch der kleine Bär hat ein seltsames Gefühl im Bauch, wenn sein bester Freund, der kleine Tiger, lieber mit jemand anderem spielt?

9. Beim Vorlesen aufmerksam zuhören erfordert Konzentration.

Aufmerksam lauschen, sitzen ohne „rumzuhibbeln“. Das ist eine Fähigkeit, die geübt werden will – und übrigens auch eine der wichtigen Eigenschaften für sie Schulreife. Bei spannenden Vorlesegeschichten fällt das viel leichter. Mit zunehmendem Alter werden die Geschichten länger und komplizierter und die Konzentrationsfähigkeit des Kindes kann langsam mitwachsen.

10. Vorlesen macht Spaß – idealerweise allen Beteiligten.

Auch wenn es ein Alter gibt – so mit 3 bis 4 Jahren -, in dem oft die selbe Geschichte 20 mal vorgelesen werden soll, macht doch meisten Vorlesen allen Beteiligten Spaß. Sucht also Geschichten und Themen raus, die am besten Euer Kind interessieren, dessen Lebenswelt widerspiegeln, aber die auch Euch gefallen. Eine gute Mischung aus Sachbüchern, Alltagsgeschichten und Phantasieerzählungen hilft.


Es gibt noch so viel mehr Gründe, warum Vorlesen nicht nur toll, sondern auch wichtig ist.

  • Vorlesen beflügelt die Phantasie.
  • Vorlesen hilft beim Runterkommen und Ausruhen – also manchmal, je nach Buch 😉
  • Vorlesen macht kreativ und erfinderisch.
  • Vorlesen zeigt, was recht und unrecht ist.
  • Vorlesen macht empathisch.
  • Vorlesen macht fit für die Schule.

Und: Vorlesen ist so viel mehr als „nur“ Lesen. Geschichten erzählen, Bilderbücher anschauen, Fingerreime spielen, Plakate in der Straßenbahn entziffern, gemeinsame Quatschgedichte erfinden und auch singen – auch das alles sind Formen von vorlesen. Man muss dabei nicht klassisch mit einem (dicken) Buch auf dem Sofa sitzen 😉

Etwa ein Drittel der Eltern liest ihren Kindern nie oder selten vor – diese relativ konstante Anzahl zeigt seit Jahren die Vorlesestudie der Stiftung Lesen. Also, wenn ihr gerne lest: Dann lest doch auch Besuchskindern mal was vor, verschenkt Bücher, bietet euch bei Vorlesetagen o.ä. an. Damit möglichst viele Kinder in den Genuss des Vorlesens kommen…